Skip to content

Woher kommt der Aus­druck “Lügen haben kur­ze Bei­ne”?

„Lügen haben kur­ze Bei­ne“ – die­ser Satz klingt wie ein Mär­chen, das man schon als Kind gehört hat, halb War­nung, halb Augen­zwin­kern. Tat­säch­lich taucht die Rede­wen­dung im Deut­schen bereits im 17. und 18. Jahr­hun­dert auf. Gemeint ist: Eine Lüge kommt nicht weit. Sie kann viel­leicht ein paar Schrit­te Vor­sprung gewin­nen, aber sie wird schnell ein­ge­holt – von der Wirk­lich­keit, von Wider­sprü­chen, von der Zeit selbst. Die „kur­zen Bei­ne“ sind dabei ein Bild für man­geln­de Trag­fä­hig­keit: Wer nicht weit lau­fen kann, wird bald ste­hen­blei­ben müs­sen.

Sprach­ge­schicht­lich passt das in eine gan­ze Fami­lie von Bild­sprü­chen, in denen abs­trak­te Begrif­fe kör­per­li­che Eigen­schaf­ten bekom­men. Die Lüge wird per­so­ni­fi­ziert – sie hat Bei­ne, sie läuft, sie ver­sucht zu ent­kom­men. Doch anders als die Wahr­heit fehlt ihr die Aus­dau­er. Ähn­li­che Bil­der fin­den sich auch in ande­ren euro­päi­schen Spra­chen; das Motiv ist also älter als die kon­kre­te deut­sche For­mu­lie­rung. Es wur­zelt ver­mut­lich in volks­tüm­li­cher Moral­leh­re, lan­ge bevor es schrift­lich fixiert wur­de.

War­um hält sich der Satz bis heu­te? Viel­leicht, weil er eine tröst­li­che Hoff­nung trans­por­tiert: Dass Täu­schung nie dau­er­haft siegt. Ob im All­tag, in Poli­tik oder Geschich­te – die Vor­stel­lung, dass Unwahr­heit sich irgend­wann selbst ent­larvt, gibt dem Sprich­wort sei­ne zeit­lo­se Kraft. Die Lüge mag schnell sein. Aber sie ist kein Mara­thon­läu­fer.