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Sind Tau­ben wirk­lich die Rat­ten der Lüf­te?

Man sieht sie auf Bahn­hö­fen und Markt­plät­zen, geschnie­gelt zwi­schen Pflas­ter­stei­nen und Pom­mes­res­ten – und schnell fällt das Wort: „Rat­ten der Lüf­te“. Doch die­ser Spitz­na­me ist weni­ger Bio­lo­gie als Pro­jek­ti­on. Die Stadt­tau­be, meist Nach­fah­rin der Fel­sen­tau­be, hat sich schlicht an den Lebens­raum ange­passt, den wir Men­schen geschaf­fen haben: Beton­wän­de als Fels­er­satz, Essens­res­te als neue Nah­rungs­quel­le. Was wir als „Inva­si­on“ emp­fin­den, ist öko­lo­gisch betrach­tet ein Meis­ter­stück der Anpas­sung – ähn­lich wie bei Rat­ten, ja, aber ohne deren heim­li­che Nacht­ar­beit. Tau­ben sind tag­ak­tiv, orts­treu, sozi­al orga­ni­siert und erstaun­lich lern­fä­hig.

Gesund­heit­lich sind sie dabei weit weni­ger bedroh­lich, als ihr Ruf sug­ge­riert. Zwar kön­nen auch Tau­ben – wie vie­le Wild­tie­re – Krank­heits­er­re­ger tra­gen, doch das tat­säch­li­che Risi­ko für gesun­de Men­schen ist im All­tag gering. Gefähr­lich wer­den eher dich­te Bestän­de, feh­len­de Rei­ni­gung und Füt­te­rungs­exzes­se, die Popu­la­tio­nen künst­lich hoch­schau­keln. Das Pro­blem ist also weni­ger das Tier als das Zusam­men­spiel aus Mensch, Stadt und Manage­ment. Wer füt­tert, züch­tet – wer regu­liert, schützt bei­de Sei­ten.

Viel­leicht lohnt ein Per­spek­tiv­wech­sel: Die Tau­be war einst Sym­bol des Frie­dens, hei­li­ges Opfer­tier in der Anti­ke, Bot­schaf­te­rin in Kriegs­zei­ten. Heu­te wird sie zum Schimpf­wort. Zwi­schen Mythos und Markt­platz liegt nur unse­re Hal­tung. Die Fra­ge ist also weni­ger, ob Tau­ben „Rat­ten der Lüf­te“ sind – son­dern war­um wir sie so nen­nen möch­ten.